R E N A T A    J A W O R S K A
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Komunistka

Anmutig und leicht wirken sie, die Figuren in der Bildserie „Komunistka“. Gehüllt in symbolisch aufgeladene, sanfte Weißtöne strahlen sie Unschuld und Reinheit aus. Ihre Präsenz variiert je nach Werk zwischen angedeuteten Schattenrissen und konkreter Figürlichkeit, zwischen abstrakter Entrücktheit und greifbarer Nähe. Während das engelsähnliche Mädchen klar ersichtlich gerade ihre Erstkommunion vollzieht, vermischen sich bei den anderen Figuren Assoziationen christlicher und muslimischer Religionen. Während in „Kirche“ eine erleuchtete Engelsfigur zu erahnen ist, erscheint die Figur in „Kommunion“ trotz der Ähnlichkeit in Form und Farbe eher wie eine verschleierte Muslima. Und was hat es mit den großen Schattenrissen auf sich, die jeder Protagonistin groß und ungreifbar im Rücken stehen?

Alle Figuren der Werkserie befinden sich in abstrakten Bildräumen, die von Linien durchzogen sind und gemeinsam ein feines, ungleichmäßiges Raster bilden. Bodenlinien sind angedeutet, die Figuren jedoch zumeist ohne Bezug zu ihnen positioniert. Der Effekt: Die Personen scheinen in einem sphärischen, abstrakten Raum zu schweben. Der abstrakte Bildhintergrund könnte als Verbildlichung eines mentalen Raums gelesen werden, in den die Personen durch religiöse Kontemplation hineinversetzt wurden. Er könnte jedoch auch als Symbol einer geistigen Entkopplung der Religion von allen weltlichen Themen gelesen werden. Ein Schweben im luftleeren Raum oder ein Moment geistiger Ekstase?

Der Titel der Werkserie „Komunistka“ gibt weiteren Aufschluss über mögliche Lesarten. Im polnischen ist der Begriff sowohl die Bezeichnung für eine weibliche Kommunistin als auch für ein Mädchen, das zur Kommunion geht. Der Begriff verschmelzt damit zwei

Wortbedeutungen, die augenscheinliche Reibungen provozieren: Auf der einen Seite das

Mädchen, das mit ihrer Erstkommunion offiziell in die katholische Glaubensgemeinde aufgenommen wird, auf der anderen die Kommunistin, die Anhängerin einer bewusst religionsverneinende Ideologie ist. Der Begriff „Komunistka“ vereint somit geistige Gegenspieler, die insbesondere in den ehemals kommunistisch geprägten Staaten, zu denen auch Jaworska Heimatland Polen gehörte, von großer Tragweite waren. Die Werkserie ist reich an Symboliken und Deutungsmöglichkeiten. Doch trotz der Vielfalt naheliegender Themen und Erklärungsmöglichkeiten bleiben Fragen zu den Figuren, ihren sozialen Zugehörigkeiten und dem räumlichen Kontext abschließend ungeklärt. Und so behalten die Arbeiten und ihre Figuren trotz der politischen und gesellschaftlichen Dimensionen ihre Rätselhaftigkeit. Das im Bildaufbau geschickt  arrangierte Wechselspiel zwischen Abstraktion und Greifbarkeit setzt sich damit auf der Deutungsebene fort.

 

Text Julian Denzler, Kunstverein Friedrichshafen)


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