Renata Jaworska

"Mit der Linie aus dem Nichts" von Stefan Feucht

 

 

In den Bildern von Renata Jaworska spiegelt sich eine der Grundbefindlichkeiten unserer Gegenwart: ein unbestimmtes Gefühl des Ausgeliefertseins und der Verlorenheit. Es sind immer wiederkehrende Elemente, aus denen diese Bilder zusammengesetzt sind, die dieses Gefühl hervorrufen: ins Endlose laufende Linien, Menschenmassen, Anspielungen auf Gewalt und Terror, um ein Nichts kreisende Spiralen, wolkenartige Gebilde, bedrohlich wirkende Vogelschwärme, Leerstellen in Form von Smartphones etc. Jaworska erschafft surreale Bildwelten, die einmal wirken »wie im Dauerregen untergegangene Traumszenerien«, wie es im Katalog der Meisterklasse Immendorff heißt, oder ein andermal den Eindruck vermitteln, man liege irgendwo in einem Wald auf dem Erdboden und schaue in den Himmel, den Blick in die Weite, ins Leere, ins Nichts gerichtet. Ein zentrales Element ihrer Bildkompositionen ist die Linie. Wie ex negativo die Impressionisten zeigten, ist die Linie die abstrakteste Form des Bildaufbaus. Sie ist das Element, aus dem der rationale Aufbau unserer Weltwahrnehmung besteht. Sie erschafft Form und Räumlichkeit. Sie ist aber auch das Grundelement aller Schriftlichkeit. Bei Renata Jaworska verselbständigt sich die Linie. Sie ist nicht mehr »nur« dienend für das Verständnis von Raum und Form, sondern wird zum eigenständigen Zeichen der Weltkonstruktion. Da ihr Grundthema die fragmentarische Wahrnehmung unserer Wirklichkeit ist, spielt Farbe in ihrem Werk eine untergeordnete Rolle.

 

Farbe verschönert, lenkt sie ab vom Wesentlichen, nämlich von der Form, die ihr als Wichtigstes gilt. In ihren Arbeiten wird Farbe daher stets konstruierend verwendet und so eingesetzt, dass sie die Linie, die Form verstärkt.Die Motive in Jaworskas Arbeiten entspringen meist unserer zeitgenössischen Medienwelt, Fernsehen oder Internet. Seien es marschierende Soldaten, behelmte Polizisten, verschleierte Frauen, Kampfflugzeuge oder Waffen unterschiedlichster Art. Sie sind Ausdruck der Gegenwart von Welt, von der wir wissen, dass sie existiert, die wir aber selber nicht erleben und trotzdem als bedrohlich empfinden. Möglicherweise haben die

 

Bilder von Renata Jaworska in diesem Sinne einen Bezug zu den archaischen Höhlenmalereien unserer Vorfahren, indem sie die Bedrohungen und Gefahren ins Bild bannen und so in gewisser Weise von uns abwenden, vielleicht aber auch nur auf eine ganz individuelle Weise »vorstellbar« machen. In ihren jüngsten Arbeiten greift Jaworska aus einer aktuellen Perspektive unser Wahrnehmungsverhalten auf, indem sie durch Leerstellen in Form von Handys bzw. Smartphones auf den gegenwärtigen Bildkonsum hinweist. Die Individualität des Bildes scheint verloren zu gehen. Durch Speichern des digitalen Bildes besitzen wir Bilder, die wir uns zuvor gar nicht angeeignet haben, weil sie in ihrer Einzigartigkeit gar nicht mehr wahrgenommen werden können. Die Möglichkeiten des Speicherns und die damit scheinbare Option der umfassenden Verfügbarkeit ersetzt das Schauen, vom Betrachten ganz zu schweigen. Überspitzt könnte man sagen, wir besitzen so viele Bilder wie nie zuvor, sie sagen uns aber immer weniger.

 

Wie verhält sich nun Jaworskas eigenes Schaffen zu dieser prekären Zeitdiagnose? Ihre Skulpturen, die 2013 während eines Aufenthaltes in den USA entstanden, geben hier vielleicht einen Hinweis. In ihnen kommt die ganze Ambivalenz des künstlerischen Schaffens zum Ausdruck. Sie bestehen aus drei Elementen, die sich gegenseitig, so scheint es, stützen oder aber auch niederdrücken: einem Pinsel, einer Waffe und einer Blume. Kann die Kunst, so lautet vielleicht die Frage, angesichts von Gewalt und Veränderung, einen Rest von »Schönheit« bewahren – oder aber ist sie stets in Gefahr, herabgedrückt zu werden?

In diesem Spannungsfeld verortet sich die Arbeit von Renata Jaworska, die 2011 ihren Lebensmittelpunkt bewusst in der Provinz, in Schloss Salem am Bodensee, gewählt hat. Gerade hier findet sie einen Ort, der sie zwingt, nicht nur lokal zu denken und dessen Ruhe und Zurückgezogenheit dazu führt, eine nicht erlebte Realitätzum Thema zu machen.

 

Jaworskas Lehrer, Prof.Jörg Immendorff, hat seine Schüler dazu angehalten, Bilder als Vehikel zu benutzen. Für ihn war das Bild geradezu ein Individuum

mit einem Eigenleben. In diesem Sinne sind Kunstwerke eine Instanz, die unsere konstruierten Realitäten zusammenführt und die daraus erfolgende Verlorenheit für uns ganz im Hegelschen Sinne aufhebt, d. h. sie nicht mehr ausschließlich gültig sein lässt, sie zugleich aber auch aufbewahrt und schließlich auf eine höhere Stufe hebt. So erhalten die Bilder von Renata Jaworska eben auch einen Aspekt der Befreiung und Beheimatung zugleich.

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