R E N A T A    J A W O R S K A
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Texte

 Text von Alexander Gaude: "Stimme, Bild und Nation"

Renata Jaworskas Performance „119-minute circle – The International Congress at the Whitechapel Gallery“ im Kontext der Guernica-Rezeption der Postmoderne


Pablo Picassos Monumentalgemälde “Guernica” gehört zweifellos zu den berühmtesten Antikriegsbildern des 20. Jahrhunderts. Picasso schuf das Werk eigens für den spanischen Pavillon auf der Weltausstellung 1937 in Paris um gegen den aufkommenden Frankismus und die Bombardierung der militärisch unbedeutenden baskischen Stadt Gernika durch die deutsche Legion Condor zu protestieren. In der Folgezeit avancierte das Gemälde zu einer Ikone der Kunst der Moderne, das Künstler weltweit zu zahlreichen Paraphrasen, Appropriationen und Reaktionen inspirierte.[1]

Bevor „Guernica“ zwischen 1939 und 1981 eine permanente Heimstätte im New Yorker Museum of Modern Art fand, bereiste es im Anschluss an die Pariser Weltausstellung ab 1937 zahlreiche Ausstellungsorte in Europa und der USA, so auch im Jahr 1939 die Londoner Whitechapel Gallery im Rahmen einer antifrankistischen Protestkundgebung, die zur Sammlung von Spenden zur Unterstützung der spanisch-republikanischen Exilregierung abgehalten wurde.

Die Installation mit Picasso’s „Guernica“ in der Whitechapel Gallery vom Jahr 2009 wurde von Macuga als öffentlicher Versammlungsort unterschiedlichen Gruppen und somit ein Podium für die Möglichkeiten von Debatten über momentane weltweite Konfliktherde als auch die mit „Guernica“ assoziierten humanitären Fragestellungen zu erschaffen.

Renata Jaworska hat einen künstlerischen Beitrag angeregt, die in Form einer Performance mit dem Titel „119-minute circle – The International Congress at the Whitechapel Gallery“  Installation mit Picassos „Guernica“ als Bühne nutzte und „bespielte“.[2] In Jaworskas Performance rezitierten Angehörige 13 verschiedener Nationen nacheinander jeweils den Text ihrer Nationalhymne, um im Anschluss ihren Vortrag simultan zu widerholen, um eine, wie Jaworska formuliert, „Kakophonie der Dissonanz, Fehlkommunikation und auditiver Machtkämpfe zu erzeugen“.[3] Jaworska scheint in ihrer sozialen Plastik gleichermaßen die Ikonizität tradierter Antikriegsbilder wie „Guernica“ als auch die institutionelle Autorität supranationaler Gremien wie dem Weltsicherheitsrat ironisch zu hinterfragen. Die Partizipierenden ihrer Performance sind Einwohner der multiethnischen Weltstadt London, die am „runden Tisch“ nicht in der Weltsprache Englisch elegant miteinander parlieren, sondern nur die Texte ihrer Nationalhymnen mantrarartig artikulieren. Entgegen der eigentlich identitätsstiftenden Funktion eines gemeinschaftlichen Gesangsvortrages bei nationalen Ritualen wie Staatsempfängen, Sportereignissen oder Wahlen in dem das Heimatland feierlich gelobt wird, isoliert der gesprochene Vortrag die Teilnehmenden der Performance. Ihre Wortbeiträge sind anders als die der UN-Diplomaten nicht von deren (vermeintlich) rhetorischem Geschick gekennzeichnet, sondern offenbaren nichts als die repetitive Huldigung der Vorzüge ihres Heimatlandes. Das kommunikative Scheitern entfaltet sich dabei vor dem Bühnenbild „Guernica“, das in diesem Kontext anders als bei der Rede Colin Powells keine symbolische Macht mehr besitzt und nur noch eine rein dekorative Funktion erfüllt. 

 

 


[1] Siehe dazu Michael FitzGerald, Post-Picasso. Contemporary Reactions, Aust.-Kat. Barcelona, 2014, Kap. 1, Guernica, S. 22-50.

[2] Siehe dazu Janet Marstine, Critical Practice. Artists, Museums, Ethics, New York 2017, S. 171.

[3] Ebd.

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